Roman

„Stalins Birne“ von Edo Popovic

Noch eine persönliche Geschichte, aber keine Biographie, sondern ein Roman über das Leben von „Kalda“. Kalda ist Einzelkind. Er wächst irgendwo in einem Dorf auf in Kroatien. Sein Vater bleibt eines Tages einfach weg und kommt nicht mehr nach Hause. Seine Mutter findet bald einen neuen Freund, aber mit dem kann sich Kalda überhaupt nicht anfreunden. Kalda hat einen Knacks, irgendwie hat ihn all das, was ihn umgibt, zerbrochen. Deshalb geht er manchmal zu einem Psychiater, den kann er allerdings auch nicht leiden. Der stellt blöde, unsinnige Fragen und irgendwie scheint das alles nicht zu helfen. Helfen würde ja ein bisschen Sex, ein bisschen Liebe vielleicht, aber mehr als träumen ist erst Mal nicht drin. Kalda wird erwachsen, langsam hält auch die Liebe Einzug in sein Leben, er verliebt sich, einige Male und heiratet. Dann lässt er sich wieder scheiden, aber hin und wieder trifft er seine Exfrau und auch den gemeinsamen Sohn. Kalda ist Kriegsfotograf in Bosnien, doch er fotografiert nicht digital, da verweigert er sich und nicht nur dort. Lieber analog, lieber anders als die anderen, doch das beschert ihm auch Probleme. Sein Nachbar besucht ihn hin und wieder, trinkt einen Kaffee mit ihm. Kalda philosophiert sich durch die Kapitel. Er sinniert über das Leben, über die Liebe, Freundschaft, über die Arbeit, den Krieg und die Familie.

Es gibt Stimmen, die behaupten, Kalda sei das Alter Ego des Autoren Edo Popovic. Popovic, Bosnier, auch er arbeitete einige Zeit als Kriegsberichterstatter, verfasste ungewöhnliche Reportagen.

Dieses Buch hat eine außergewöhnliche Dichte und Sprache. Rasant, witzig, intelligent, schnell. Lebendig, frech, frisch und melancholisch. Das Leben von Kalda wird in knapp 30 Kapiteln erzählt, dabei springt der Autor in den Zeiten hin und her, vor und zurück. Popovic weiß, wie man Leser fesselt, er weiß, wie man Geschichten erzählt. Absolut lesenswert.

© mp

Advertisements
Biographie

„Sterben“ von Karl Ove Knausgard

Ich weiß nicht, – das war mein erstes, vorläufiges Fazit, das ich nach dem Lesen der letzten Seite dieser Biographie gezogen habe. Und das, nachdem ich nach den ersten knapp 200 Seiten so geschwärmt hatte von diesem Buch. Es geht um “Sterben”, die Biographie des 1968 geborenen, norwegischen Schriftstellers Karl Ove Knausgard. Man kann es wohl ein Mammutprojekt nennen, denn der Schriftsteller hat seine Biographie auf sechs Mal sechshundert Seiten angelegt. „Sterben“ ist der erste Teil und in diesem ersten Teil geht es um die ersten Lebensjahre des Autors, in der er besonders durch die schwierige Beziehung zum Vater geprägt wurde. Dies ist auch die Thematik, die sich durch diesen ersten Teil zieht. Knausgard springt immer wieder aus der Jetztzeit in die Vergangenheit und zurück.

1968 wird Karl Ove Knausgard als zweiter Sohn eines Lehrers und einer Krankenschwester geboren. Die Beziehung zum Vater ist schwierig und wird für Karl Ove zu einer „belastenden“ Figur und Beziehung seines Lebens. Zwar distanziert sich Karl Ove mehr und mehr von ihm, doch das Miteinander der beiden ist und bleibt angespannt und schwierig, auch nachdem die Eltern sich trennen, auch, nachdem er längst Zuhause ausgezogen ist. Karl Ove studiert Literatur und Kunstgeschichte, heiratet, heiratet noch ein zweites Mal, wird Vater und Schriftsteller. Dies ist die kurze Zusammenfassung seines Lebens bis in die Jetztzeit und Thema des ersten Bandes „Sterben“.

Die ersten knapp 200 Seiten des Buches lesen sich, als wären sie in einem Rutsch und Rausch entstanden. Sehr mitreißend, stark, intensiv und tief. Die Sprache ist durchgängig schlicht und einfach, der Fokus liegt auf seinen Beobachtungen, Erlebnissen und psychologischen Deutungen. Sprachlich ist dieser Einstieg sehr eindringlich und berührend, mit dem Fokus auf die Familie, im speziellen auf das Miteinander zwischen Vater und Sohn und die weitreichenden Folgen auf das gesamte Leben des Schriftstellers, auch und besonders das emotionale (Er-)Leben. Diese knapp 200 Seiten sind packend geschrieben, mitreißend und man kann nicht umhin, mit dem Sohn zu fühlen.

Doch im Folgenden fällt es, meiner Ansicht nach, ab. Der Autor, der eine wahnsinnig gutes Erinnerungsvermögen zu besitzen scheint, erzählt ausführlich aus seinem Leben. Dabei liest sich das Geschriebene fast minutiös, als hätte er wirklich nichts ausgelassen, auch und besonders keine Kleinigkeiten. Das sieht dann konkret zum Beispiel so aus: Nach dem Tod des Vaters kauft er in einem Supermarkt ein und erzählt, dass er Blumenkohl in der Gemüseabteilung und Fleisch in der Metzgerei gekauft hat, dann erwähnt er einzeln namentlich die Putzmittel, die er gekauft hat, um das herunter gekommene Haus des Vaters zu reinigen, dann wann wer wie welches Zimmer im Haus gereinigt hat. Diese besondere Erinnerungsgabe wirkt auf mich wie auf die Spitze getrieben. Es liest sich bisweilen sehr zäh.

Ich dachte: Solche Dinge, will ich die wissen? Muss ich die wissen? Muss es so genau sein? Ich muss das so genau nicht wissen, aber vermutlich gibt es unterschiedliche Ansprüche und Geschmäcker. Ich fragte mich: Was gehört in eine Biographie? Man könnte antworten: Alles, was zu einem Leben gehört. Dann kommt meine Gegenfrage: Wirklich alles? Oder nur das, was relevant ist? Was ist relevant? 

Das Buch teilt sich meiner Meinung nach in verschiedene Erzählarten. Lange Passagen, in denen fast ausschließlich beschrieben wird. Dialoge, wer wann wohin fuhr oder mit wem sprach, feierte, aß, Beschreibungen von Orten, Straßen, Wegen. Diese wechseln mit anderen Passagen, in denen er über bestimmte Fragen des Lebens philosophiert. Diese Passagen fand ich ausgesprochen interessant und anregend. Die beschreibenden Abschnitte empfand ich bisweilen zu langatmig, zu kleinteilig, zum Teil mit, wenn ich das mal so direkt sagen darf, Nichtigkeiten befasst.

Mein Fazit mit etwas Abstand hat sich nicht sehr verändert. Das: Ich weiß nicht,- ist geblieben. Der Schreibstil in dieser Biographie ist gut, aber vielleicht hätten es ein paar Seiten weniger und dafür konzentrierter auch getan. Schlichte Sprache, die sich mit einem Erinnerungsvermögen paart, das ich in der Form noch nie gelesen habe. Knausgard erinnert und schreibt akribisch. Die ersten zweihundert Seiten des Buches grandios in Beobachtungsgabe und differenzierter, psychologischer Einordnung. Ehrlich, präzise und tief. Danach wird es anders, finde ich. Es fällt ab.

Ich hätte vermutlich das Buch nicht zu Ende gelesen, wenn ich nicht vorgehabt und versprochen hätte, darüber eine Rezension zu schreiben, insofern lässt sich vielleicht doch eine Tendenz ablesen. Doch nach dem Lesen der gesamten Biographie bleibt doch eine gewisse Unsicherheit und die Frage, ob ich vielleicht irgendwas nicht erkannt oder verstanden habe. Ich weiß es nicht. Vorhin im Buchladen habe ich in zwei weitere Teile seiner Biographie herein gelesen. „Lieben“ und „Leben“. Obgleich der Schreibstil mir zusagt, habe ich keines der Bücher gekauft. Aber vielleicht ändert sich das ja noch. Ich weiß es nicht.

© mp