Briefroman

Oskar und die Dame in Rosa

Oskar ist zehn  und hat Krebs. Er liegt im Krankenhaus und ist operiert worden. Doktor Düsseldorf macht seitdem dauernd ein unglückliches Gesicht. Und bald gucken alle anderen auch unglücklich, wenn sie ihn sehen. Wenn er fröhlich ist, gucken sie umso unglücklicher. Und wenn er einen Witz erzählt, dann zwingen sich alle zum Lachen. Seine Eltern sind auch seltsam, sie reden gar nicht mehr richtig mit ihm, als wäre er ein anderer. Die einzige, die sich nicht verändert hat, ist die Dame in Rosa. Die Dame in Rosa ist eine ältere Dame, die früher mal Catcherin gewesen ist und sie ist befreundet mit Oskar. Oskar will alles über die Kämpfe wissen und die beiden verbringen viel Zeit miteinander. Eines Tages, als Oskar sich wieder über die Menschen wundert, erzählt ihm die Dame in Rosa von Gott. Ach, Gott, sagte Oskar. Das ist doch ein Märchen, so wie das mit dem Weihnachtsmann. Dass das gar kein Märchen ist, erklärt ihm die Dame in Rosa, die ihn täglich besuchen darf, für 12 Tage. Oskar glaubt und vertraut ihr und ihrer Empfehlung, Gott zu schreiben. Damit beginnt er schließlich, anfangs widerwillig, weil er wirklich nicht gerne schreibt und sich noch unsicher ist, was für ein Typ Gott ist. Mit der Zeit fällt es ihm aber leichter, an Gott zu schreiben  und so schreibt er ihm jeden Tag einen Brief und die Dame in Rosa hat gesagt, dass Gott jedem Menschen einen Wunsch am Tag erfüllt, allerdings keinen materiellen Wunsch, sondern einen geistigen. Das klingt alles spannend, findet Oskar und schreibt Gott. Und damit beginnt auch das Buch „Oskar und die Dame in Rosa“ von Eric-Emmanuel Schmitt. Ein sehr schönes Buch mit etwas über 100 Seiten. Es ist ein Briefroman, sowohl für Kinder, als auch für Erwachsene. Liebevoll, witzig, berührend. Ich habe die Geschichte über Glauben, Freundschaft, Liebe und das Sterben in einem Rutsch gelesen, weil ich nicht mehr aufhören konnte zu lesen. Empfehlenswert.

© mp

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Allgemein

Africa Stop Ebola

Heute außer der Reihe mal keine Rezension über ein Buch, das ich gelesen habe, sondern ein Song, den ich gerade gehört und sofort gekauft habe.

Man kann ihn herunterladen per itunes oder da, wo es Musik gibt. Der Verkauf des Tracks geht komplett an Ärzte ohne Grenzen zur Unterstützung in Sachen Ebola. Der Song kostet etwas über einen Euro. Helft mit.

Danke.

Roman

Das Herzenhören

Tin Win, geboren und aufgewachsen in einem kleinen Ort in Burma, ist ein erfolgreicher Anwalt, der mit Frau, Sohn und seiner Tochter Julia in New York lebt. Eines Tages macht er sich auf zu einem geschäftlichen Termin nach Boston, von dem er nicht heimkehrt. Die Polizei ermittelt und stößt auf Ungereimtheiten, die einen Verdacht auf Tin Wins Frau werfen, der sich jedoch mit der Zeit als haltlos erweist. Tin Win bleibt vermisst. Die Tochter Julia, selbst Anwältin, kann ihren Vater nicht vergessen. In einem Gespräch mit der Mutter, eröffnet ihr diese, dass ihr Ehemann sie nicht erst am Tag, als er nach Boston verschwand, verlassen habe. Er habe ihr außerdem zeitlebens die ersten zwanzig Lebensjahre verschwiegen, was schließlich zu einem langsamen Auseinanderbrechen der Ehe geführt habe. Tage später schickt die Mutter ihrer Tochter einen Karton vom Dachboden, der alte Unterlagen, Notizen und Fotos des Vaters enthält. Julia beginnt die Unterlagen im Karton anzusehen. Ihr Vater ist bereits vier Jahre vermisst und gilt als tot. Als sie auf einen Liebesbrief stößt, den ihr Vater in den 50er Jahren an eine Frau namens Mi Mi geschickt hat und dieser Brief eine Anschrift enthält, beschließt sie kurzerhand in das Land ihres Vaters zu reisen. Wird sie ihn dort finden? Dort angekommen, begibt sie sich auf die Suche. Dabei macht sie Bekanntschaft mit einem älteren Mann namens U Ba, der sie fragt, ob sie an die Liebe glaube und der behauptet, er habe seit 4 Jahren auf sie gewartet. Er kennt nicht nur ihren Namen. Julia ist gleichermaßen irritiert wie angezogen von den Informationen, die dieser fremde Mann für sie bereit hält. Sie öffnet sich schließlich und begibt sich auf unbekannte Reise nach ihrem Vater. „Das Herzenhören“ ist der Bestsellerroman von Jan-Philipp Sendker, einem deutschen Journalisten und Autor. Er war viele Jahre für den Stern als Korrespondent tätig. Das Herzenhören von 2004 ist sein erster Roman, dem weitere Romane folgten. Ich habe dieses Buch in 3,5 Tagen gelesen. Es geht um Liebe und Vertrauen, um weitreichende Entscheidungen im Leben und deren Konsequenzen. Es spielt in New York und in Burma. Ich habe noch kein poetischeres und sensibel erzählteres Buch gelesen. Es ist nicht kitschig, sondern berührend und sprachlich sanft. Ich kann es gar nicht in Worte fassen. Ein einfach bezauberndes Buch voller Spannung und Poesie. Meine volle Empfehlung.

Diesem Roman folgte „Das Flüstern der Schatten“, der als Fortsetzung geschrieben wurde.

Roman

„Stalins Birne“ von Edo Popovic

Noch eine persönliche Geschichte, aber keine Biographie, sondern ein Roman über das Leben von „Kalda“. Kalda ist Einzelkind. Er wächst irgendwo in einem Dorf auf in Kroatien. Sein Vater bleibt eines Tages einfach weg und kommt nicht mehr nach Hause. Seine Mutter findet bald einen neuen Freund, aber mit dem kann sich Kalda überhaupt nicht anfreunden. Kalda hat einen Knacks, irgendwie hat ihn all das, was ihn umgibt, zerbrochen. Deshalb geht er manchmal zu einem Psychiater, den kann er allerdings auch nicht leiden. Der stellt blöde, unsinnige Fragen und irgendwie scheint das alles nicht zu helfen. Helfen würde ja ein bisschen Sex, ein bisschen Liebe vielleicht, aber mehr als träumen ist erst Mal nicht drin. Kalda wird erwachsen, langsam hält auch die Liebe Einzug in sein Leben, er verliebt sich, einige Male und heiratet. Dann lässt er sich wieder scheiden, aber hin und wieder trifft er seine Exfrau und auch den gemeinsamen Sohn. Kalda ist Kriegsfotograf in Bosnien, doch er fotografiert nicht digital, da verweigert er sich und nicht nur dort. Lieber analog, lieber anders als die anderen, doch das beschert ihm auch Probleme. Sein Nachbar besucht ihn hin und wieder, trinkt einen Kaffee mit ihm. Kalda philosophiert sich durch die Kapitel. Er sinniert über das Leben, über die Liebe, Freundschaft, über die Arbeit, den Krieg und die Familie.

Es gibt Stimmen, die behaupten, Kalda sei das Alter Ego des Autoren Edo Popovic. Popovic, Bosnier, auch er arbeitete einige Zeit als Kriegsberichterstatter, verfasste ungewöhnliche Reportagen.

Dieses Buch hat eine außergewöhnliche Dichte und Sprache. Rasant, witzig, intelligent, schnell. Lebendig, frech, frisch und melancholisch. Das Leben von Kalda wird in knapp 30 Kapiteln erzählt, dabei springt der Autor in den Zeiten hin und her, vor und zurück. Popovic weiß, wie man Leser fesselt, er weiß, wie man Geschichten erzählt. Absolut lesenswert.

© mp

Biographie

„Sterben“ von Karl Ove Knausgard

Ich weiß nicht, – das war mein erstes, vorläufiges Fazit, das ich nach dem Lesen der letzten Seite dieser Biographie gezogen habe. Und das, nachdem ich nach den ersten knapp 200 Seiten so geschwärmt hatte von diesem Buch. Es geht um “Sterben”, die Biographie des 1968 geborenen, norwegischen Schriftstellers Karl Ove Knausgard. Man kann es wohl ein Mammutprojekt nennen, denn der Schriftsteller hat seine Biographie auf sechs Mal sechshundert Seiten angelegt. „Sterben“ ist der erste Teil und in diesem ersten Teil geht es um die ersten Lebensjahre des Autors, in der er besonders durch die schwierige Beziehung zum Vater geprägt wurde. Dies ist auch die Thematik, die sich durch diesen ersten Teil zieht. Knausgard springt immer wieder aus der Jetztzeit in die Vergangenheit und zurück.

1968 wird Karl Ove Knausgard als zweiter Sohn eines Lehrers und einer Krankenschwester geboren. Die Beziehung zum Vater ist schwierig und wird für Karl Ove zu einer „belastenden“ Figur und Beziehung seines Lebens. Zwar distanziert sich Karl Ove mehr und mehr von ihm, doch das Miteinander der beiden ist und bleibt angespannt und schwierig, auch nachdem die Eltern sich trennen, auch, nachdem er längst Zuhause ausgezogen ist. Karl Ove studiert Literatur und Kunstgeschichte, heiratet, heiratet noch ein zweites Mal, wird Vater und Schriftsteller. Dies ist die kurze Zusammenfassung seines Lebens bis in die Jetztzeit und Thema des ersten Bandes „Sterben“.

Die ersten knapp 200 Seiten des Buches lesen sich, als wären sie in einem Rutsch und Rausch entstanden. Sehr mitreißend, stark, intensiv und tief. Die Sprache ist durchgängig schlicht und einfach, der Fokus liegt auf seinen Beobachtungen, Erlebnissen und psychologischen Deutungen. Sprachlich ist dieser Einstieg sehr eindringlich und berührend, mit dem Fokus auf die Familie, im speziellen auf das Miteinander zwischen Vater und Sohn und die weitreichenden Folgen auf das gesamte Leben des Schriftstellers, auch und besonders das emotionale (Er-)Leben. Diese knapp 200 Seiten sind packend geschrieben, mitreißend und man kann nicht umhin, mit dem Sohn zu fühlen.

Doch im Folgenden fällt es, meiner Ansicht nach, ab. Der Autor, der eine wahnsinnig gutes Erinnerungsvermögen zu besitzen scheint, erzählt ausführlich aus seinem Leben. Dabei liest sich das Geschriebene fast minutiös, als hätte er wirklich nichts ausgelassen, auch und besonders keine Kleinigkeiten. Das sieht dann konkret zum Beispiel so aus: Nach dem Tod des Vaters kauft er in einem Supermarkt ein und erzählt, dass er Blumenkohl in der Gemüseabteilung und Fleisch in der Metzgerei gekauft hat, dann erwähnt er einzeln namentlich die Putzmittel, die er gekauft hat, um das herunter gekommene Haus des Vaters zu reinigen, dann wann wer wie welches Zimmer im Haus gereinigt hat. Diese besondere Erinnerungsgabe wirkt auf mich wie auf die Spitze getrieben. Es liest sich bisweilen sehr zäh.

Ich dachte: Solche Dinge, will ich die wissen? Muss ich die wissen? Muss es so genau sein? Ich muss das so genau nicht wissen, aber vermutlich gibt es unterschiedliche Ansprüche und Geschmäcker. Ich fragte mich: Was gehört in eine Biographie? Man könnte antworten: Alles, was zu einem Leben gehört. Dann kommt meine Gegenfrage: Wirklich alles? Oder nur das, was relevant ist? Was ist relevant? 

Das Buch teilt sich meiner Meinung nach in verschiedene Erzählarten. Lange Passagen, in denen fast ausschließlich beschrieben wird. Dialoge, wer wann wohin fuhr oder mit wem sprach, feierte, aß, Beschreibungen von Orten, Straßen, Wegen. Diese wechseln mit anderen Passagen, in denen er über bestimmte Fragen des Lebens philosophiert. Diese Passagen fand ich ausgesprochen interessant und anregend. Die beschreibenden Abschnitte empfand ich bisweilen zu langatmig, zu kleinteilig, zum Teil mit, wenn ich das mal so direkt sagen darf, Nichtigkeiten befasst.

Mein Fazit mit etwas Abstand hat sich nicht sehr verändert. Das: Ich weiß nicht,- ist geblieben. Der Schreibstil in dieser Biographie ist gut, aber vielleicht hätten es ein paar Seiten weniger und dafür konzentrierter auch getan. Schlichte Sprache, die sich mit einem Erinnerungsvermögen paart, das ich in der Form noch nie gelesen habe. Knausgard erinnert und schreibt akribisch. Die ersten zweihundert Seiten des Buches grandios in Beobachtungsgabe und differenzierter, psychologischer Einordnung. Ehrlich, präzise und tief. Danach wird es anders, finde ich. Es fällt ab.

Ich hätte vermutlich das Buch nicht zu Ende gelesen, wenn ich nicht vorgehabt und versprochen hätte, darüber eine Rezension zu schreiben, insofern lässt sich vielleicht doch eine Tendenz ablesen. Doch nach dem Lesen der gesamten Biographie bleibt doch eine gewisse Unsicherheit und die Frage, ob ich vielleicht irgendwas nicht erkannt oder verstanden habe. Ich weiß es nicht. Vorhin im Buchladen habe ich in zwei weitere Teile seiner Biographie herein gelesen. „Lieben“ und „Leben“. Obgleich der Schreibstil mir zusagt, habe ich keines der Bücher gekauft. Aber vielleicht ändert sich das ja noch. Ich weiß es nicht.

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Drama

„Biedermann und die Brandstifter“

Biedermann ist die Hauptfigur dieses Dramas von Max Frisch. Biedermann ist Unternehmer, verheiratet und lebt mit seiner Frau in einem großen Haus, in dem es freie Zimmer gibt, die nicht genutzt werden. Es geht beiden gut, auch wenn Biedermann sich mit den Vorwürfen eines heraus geworfenen Mitarbeiters auseinander setzen muss, – was er nicht gerne tut, da er sich im Recht fühlt. Biedermann fürchtet sich vor Brandstiftern, über die in den Zeitungen berichtet wird, die in der Stadt ihr Unwesen treiben und er fürchtet sich auch vor dem Fremden, der eines Tages bei ihm Zuhause auftaucht und um Unterkunft für eine Nacht bittet. Er beginnt mit ihm anfangs widerwillig ein Gespräch und erlaubt ihm schließlich auf dem Dachboden zu übernachten. Sein Gegenüber, namens Schmitz, ist wortgewandt und nimmt vorweg, was Biedermann denkt, – doch Biedermann streitet ab und schwenkt aufs Gegenteil, bis er schließlich mehr und mehr in die Situation gerät, dass er den Fremden nicht mehr hinauswerfen kann – aus moralischen und menschenfreundlichen Gründen- wie er sagt. Biedermann verbiegt sich, sagt „Ja“, wo er „Nein“ meint, sagt „Nein“, wo er „Ja“ denkt, bis er es schließlich selbst glaubt. Anderen gegenüber entwickelt er sich mehr und mehr zum Verteidiger des Fremden und beklagt, alle würden in Fremden lediglich Brandstifter sehen und das wäre humorlos und falsch. Er lädt Schmitz zum Essen ein und seine anfängliche Forderung, diesen des Hauses zu verweisen, verstummt immer mehr. Der Fremde bleibt nicht der einzige Fremde im Haus, auch Biedermanns Frau sieht den Entwicklungen skeptisch zu, redet immerzu auf ihren Mann ein, was aber nur kurze Wirkung hat. Einzig die Angestellte, Anna, die verwirrt ist, durch die dauernd wechselnden und sich widersprechenden Wünsche ihrer Vorgesetzten, ist die einzige, die das Treiben im Haus zu durchschauen scheint. Ob die Männer die Brandstifter sind und was im weiteren Verlauf des Dramas geschieht, – dazu mehr im Buch. Sehr prägnante Sprache, sehr gute Dialoge auf den Punkt. Empfehlenswert.

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Suhrkamp Verlag, 85 Seiten.

Kurzgeschichten

Geburtsort Berlin von Monika Maron

 

Geburtsort Berlin

ist eine Sammlung von Essays über das alte und das neue Berlin der Schriftstellerin Monika Maron. Illustriert ist es mit Fotos ihres Sohnes Jonas, der Fotograf ist. Es ist unterhaltsam, aber, wie ich finde, keines ihrer starken Bücher. Dennoch mag ich ihre Schreibe sehr, weshalb dieses Buch für mich etwas wie ein „Muss“ war. Die Sprache hier ist schlicht und die Geschichten kurz gehalten.

Fischer Verlag, 126 Seiten.

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Roman

empor.hinein.heraus.gewachsen.

Was kann man dafür, wo man aufwächst? In welcher Familie, an welchem Ort? Gar nichts, es sei denn, man ist Verfechter der Theorie, dass wir uns alle unsere Eltern und die Umstände, in denen wir aufwachsen aussuchen, um daran zu wachsen, um dort zu lernen, um dort etwas hin zu geben. Betrachtet man manche Leben von außen, mag das stimmen. Alles schön, alles easy, alles rosig. Doch bei anderen, kommt dann der Zweifel. Das soll selbst ausgesucht sein? Bei all dem, was der-oder diejenige durchgemacht hat?

Im Roman “Stinkehose” erzählt der Autor Axel Altenburg seine Geschichte. Er wächst in den 60er Jahren in Berlin auf und ist eines von vier Kindern, – vier Jungs und ein Vater, der trinkt und schlägt und eine Mutter, die mehr oder weniger erfolgreich versucht, diese Familie eine Familie sein zu lassen. Der Protagonist wächst in ärmlichen Verhältnissen auf, das Geld reicht zum Essen nicht, an manchen Tagen laufen die Kinder herum mit nur heißem Wasser im Bauch, sonst nichts, weil nichts da ist. Die Möbel fallen fast auseinander, der Vater schlägt und säuft, die Mutter will sich irgendwann das Leben nehmen. Eins der Kinder macht in sein Bett und erfährt dafür Schläge und Verachtung des Vaters. “Epilepsie aufgrund von Missbrauch” diagnostiziert ein Arzt. Missbrauch erfährt auch Axel, als er zum Urlaub machen in den Ferien weggeschickt wird. Er freut sich auf die Zeit, mal raus Zuhause, neue Umgebung und Menschen, regelmäßiges Essen. Doch dann geschieht das Unfassbare.

Die Kinder sind allein in dieser Familie und halten doch zusammen, auch die Erwachsenen sind allein und doch ist das hier eine Familie. Eine, sich irgendwie durchwurschtelt, die irgendwie versucht Oberwasser zu bekommen, doch es fehlen die Mittel. Doch sie geben nicht auf, lassen es schleifen oft, dann passiert wieder etwas, weil zu lange gewartet und nicht gekümmert wurde. Es geht immer weiter, trotzdem, trotz allem, die Kinder werden größer, werden älter, die Hoffnung bleibt, dass es besser wird. Weihnachten bekommt jeder ein kleines Geschenk, die Oma macht Weihnachtsteller und Heiligabend säuft der Vater nicht. Als ein paar Gäste kommen, um gemeinsam Silvester zu feiern, kauft der Vater stolz eine Musiktruhe, die niemand berühren darf außer ihm. Doch dann ist es der kleine Sohn, der dem Vater das technische Gerät erklären muss. Als die Gäste dann kommen, wird Familie “gespielt”, wie es häufiger geschieht, sobald jemand anders zu Besuch kommt, dem man nicht sagen möchte, wie es wirklich bestellt ist, um diese Familie.

Dieser Roman ist grandios geschrieben. Eine schöne Sprache, die man angesichts obiger und weiterer Zu-und Umstände vermutlich eher nicht erwarten würde. Hinter all der Gewalt, Verachtung Zuhause und der Ausgrenzung, die die Familie fast überall erfährt, auch die Kinder in der Schule, gibt es doch etwas wie den Versuch menschlicher Wärme, den Versuch von Zusammenhalt. Gewiss, diese Familie und deren Leben ist sicher nicht die Regel, eher die Ausnahme, doch es gibt sie. Es gibt sie, die Menschen, die irgendwo aufwachsen, und irgendwo raus wollen, die ganz allein sind oder sich so fühlen. Die ein anständiges Leben wollen, eines, in dem sie Wertschätzung erfahren und Unterstützung. Eines, in dem “wenigstens” Grundbedürfnisse nach Wasser, Essen, Wärme, Liebe und Freundschaft gestillt werden.

Axel Altenburg hat ein Buch geschrieben, das ich sehr empfehlen möchte. Manchmal muss man es zur Seite legen, um all das zu verdauen. Wie unterschiedlich doch Lebenslinien verlaufen. Wie unterschiedlich doch das ist, was Menschen zu (er-)tragen haben. Und wie unterschiedlich mit alldem umgegangen wird.

© mp

Hier noch ein paar Infos zum Roman, auch eine Leseprobe:

http://www.klingenstein-verlag.de/stinkehose.html

Biographie

Da geht noch was

Das ist mir lange nicht passiert: Dass ich ein Buch zu lesen anfange und nicht mehr aufhören kann, bis ich an der letzten Seite angekommen bin. Gestern habe ich mir das Buch von Christine Westermann gekauft, mit dem Titel: “Da geht noch was”. Und heute habe ich es in einem Rutsch gelesen. Ein sehr persönliches Buch der 65jährigen Journalistin und Moderatorin – über ihre Arbeit, über ihr Alter und wie beides zusammen spielt oder auch nicht, über ihre Eltern, ihr Leben, ihre Ängste und die Zeit in einem buddhistischen Zen-Kloster in Bayern, das vom WDR per Kamera begleitet und dokumentiert wurde.

Es hat mir sehr gefallen, dieses Buch. Ich mag ihren persönlichen, bescheidenen Blick. Ihre reflektierte Art, auf die Geschehnisse zu blicken und auch auf sich selbst.

Empfehlung: Unbedingt lesen.

 

© mp

Roman

So was von da

So was von da sind manche. Zum Beispiel Oskar Wrobel, der 23 jährige Protagonist, dem gerade sein Leben um die Ohren fliegt. Oskar betreibt auf St. Pauli einen Club, zusammen mit seinem Kumpel Pablo. Das Gebäude soll abgerissen werden und deshalb ist der 31.12. der letzte Tag des Clubs. Nicht nur der Jahreswechsel wird erwartet, sondern auch jede Menge Gäste, ein Programm mit Bands und Spezialbowle und jede Menge Spaß. Aber es gibt Probleme. Nicht nur eins. Nicht nur, dass Oskar hoch verschuldet ist. Jemand Unangenehmes hat sich angekündigt – Kiezkalle, ein Zuhälter, der 10.000 Euro von Oskar erpressen will. Und dann gibt es noch Mathilda, Oskars große und einzige Liebe, die er nicht vergessen kann. Sie käme auch, steckt ihm sein Kumpel Pablo am Silvestertag, der Mathilda hatte versprechen müssen, nichts zu sagen. Oskar denkt an Flucht, ist hin-und hergerissen zwischen all den Anforderungen. Die letzte Party im Club soll eine Riesenparty werden, doch so einfach lässt sich alles nicht bewerkstelligen. Oskar zählt auf Rocky und seine Band Kid Kommander, die Silvester spielen sollen. Doch Rockys Vater muss gerettet werden und alle müssen helfen. Die Party steigt schließlich doch und das Chaos weitet sich aus: Wände werden eingetreten, Drogen konsumiert, es wird Abschied im großen Stil gefeiert mit allerlei Gästen und vielen Freunden. Da gibt es noch Theo, ein Russe, der Beruhigung darin findet, zu zählen: Mülleimer, Schritte, Jahre, Blätter. Er ist mit Nina zusammen, aber er weiß nicht, ob er sie lieben kann und soll. Dabei lieben alle Nina, die lebendige und lebensweise Künstlerin, die sich dauernd neu erfindet. Nina, die ein Geheimnis in sich trägt. Mittendrin Oskar, der stets ein Buch von Marc Aurel bei sich trägt, in dem er Antworten für sein Leben zu finden hofft. Oskar, der versucht, den Laden in Schwung zu halten, an allen Orten gleichzeitig und glücklich zu sein inmitten dieser Szenerie, zwischen Freundschaft und Liebe, Rausch, Zerstörung und Neuanfang.

So was von da ist der Debütroman von Tino Hanekamp, Musikjournalist und ehemaliger Clubbesitzer aus Hamburg. Selten habe ich solch einen lebendigen, lebensfrohen, witzigen und melancholischen, abwechslungsreichen und schnellen Roman gelesen, über das Leben, Entscheidungen, Freundschaft und Liebe, – gespickt mit einer Menge Lebensweisheiten und tollen Charakteren. Unterhaltsam und authentisch – absolut lesenswert!

 

© mp