Biographie

Franz Kafka – Die Jahre der Entscheidungen von Reiner Stach

 

Wo fängt man an, wenn man über diese Biographie erzählen möchte? Vielleicht beim Verfasser: Reiner Stach. Denn Reiner Stach hat hier in jahrelanger Arbeit etwas geschaffen, das unmöglich ist: Dr. Franz Kafka, den Verfasser  und Weltliterat von u.a. Die Verwandlung,  zum Leben zu erwecken. Jedenfalls war es das, was ich empfunden habe, als ich diese Biographie gelesen habe. Nicht nur, dass man morgens beim Frühstückstisch mit Franz Kafka und seiner Familie sitzt, man rennt auch durch die Stadt zur Arbeit und kommt mit ihm zusammen eine Viertelstunde zu spät. Man sitzt mit ihm am Schreibtisch und wartet auf Nachricht von Felice. Fährt mit ihm nach Wien und anschließend nach Venedig. Sitzt im Zug nach Berlin, um Felice zu treffen und verpasst sie doch fast ganz. Franz Kafka im Goethehaus in Weimar mit Max Brod. Der Weltliterat im Versuch, seine, wie er es nennt “Bestimmung”, das Schreiben, in seinen Tag zu integrieren. Seine Nachtschichten und Phasen, in denen einfach nichts gelingen will. Sein Anspruch. Es lässt sich einfach nicht fassen, was dem Verfasser hier gelungen ist: Eine großartige Biographie über einen großartigen Schriftsteller zu schreiben. Das ist keine Sammlung von Fakten, hier wird eine Geschichte erzählt, aus unterschiedlichen Perspektiven, von verschiedenen Punkten aus, werden die Fäden immer wieder neu geknüpft. 600 Seiten umfasst diese Ausgabe, es gibt noch zwei weitere Biographien von Stach über Kafka. Besser gehts nicht.

Meine absolute Empfehlung dafür.

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Biographie

„Sterben“ von Karl Ove Knausgard

Ich weiß nicht, – das war mein erstes, vorläufiges Fazit, das ich nach dem Lesen der letzten Seite dieser Biographie gezogen habe. Und das, nachdem ich nach den ersten knapp 200 Seiten so geschwärmt hatte von diesem Buch. Es geht um “Sterben”, die Biographie des 1968 geborenen, norwegischen Schriftstellers Karl Ove Knausgard. Man kann es wohl ein Mammutprojekt nennen, denn der Schriftsteller hat seine Biographie auf sechs Mal sechshundert Seiten angelegt. „Sterben“ ist der erste Teil und in diesem ersten Teil geht es um die ersten Lebensjahre des Autors, in der er besonders durch die schwierige Beziehung zum Vater geprägt wurde. Dies ist auch die Thematik, die sich durch diesen ersten Teil zieht. Knausgard springt immer wieder aus der Jetztzeit in die Vergangenheit und zurück.

1968 wird Karl Ove Knausgard als zweiter Sohn eines Lehrers und einer Krankenschwester geboren. Die Beziehung zum Vater ist schwierig und wird für Karl Ove zu einer „belastenden“ Figur und Beziehung seines Lebens. Zwar distanziert sich Karl Ove mehr und mehr von ihm, doch das Miteinander der beiden ist und bleibt angespannt und schwierig, auch nachdem die Eltern sich trennen, auch, nachdem er längst Zuhause ausgezogen ist. Karl Ove studiert Literatur und Kunstgeschichte, heiratet, heiratet noch ein zweites Mal, wird Vater und Schriftsteller. Dies ist die kurze Zusammenfassung seines Lebens bis in die Jetztzeit und Thema des ersten Bandes „Sterben“.

Die ersten knapp 200 Seiten des Buches lesen sich, als wären sie in einem Rutsch und Rausch entstanden. Sehr mitreißend, stark, intensiv und tief. Die Sprache ist durchgängig schlicht und einfach, der Fokus liegt auf seinen Beobachtungen, Erlebnissen und psychologischen Deutungen. Sprachlich ist dieser Einstieg sehr eindringlich und berührend, mit dem Fokus auf die Familie, im speziellen auf das Miteinander zwischen Vater und Sohn und die weitreichenden Folgen auf das gesamte Leben des Schriftstellers, auch und besonders das emotionale (Er-)Leben. Diese knapp 200 Seiten sind packend geschrieben, mitreißend und man kann nicht umhin, mit dem Sohn zu fühlen.

Doch im Folgenden fällt es, meiner Ansicht nach, ab. Der Autor, der eine wahnsinnig gutes Erinnerungsvermögen zu besitzen scheint, erzählt ausführlich aus seinem Leben. Dabei liest sich das Geschriebene fast minutiös, als hätte er wirklich nichts ausgelassen, auch und besonders keine Kleinigkeiten. Das sieht dann konkret zum Beispiel so aus: Nach dem Tod des Vaters kauft er in einem Supermarkt ein und erzählt, dass er Blumenkohl in der Gemüseabteilung und Fleisch in der Metzgerei gekauft hat, dann erwähnt er einzeln namentlich die Putzmittel, die er gekauft hat, um das herunter gekommene Haus des Vaters zu reinigen, dann wann wer wie welches Zimmer im Haus gereinigt hat. Diese besondere Erinnerungsgabe wirkt auf mich wie auf die Spitze getrieben. Es liest sich bisweilen sehr zäh.

Ich dachte: Solche Dinge, will ich die wissen? Muss ich die wissen? Muss es so genau sein? Ich muss das so genau nicht wissen, aber vermutlich gibt es unterschiedliche Ansprüche und Geschmäcker. Ich fragte mich: Was gehört in eine Biographie? Man könnte antworten: Alles, was zu einem Leben gehört. Dann kommt meine Gegenfrage: Wirklich alles? Oder nur das, was relevant ist? Was ist relevant? 

Das Buch teilt sich meiner Meinung nach in verschiedene Erzählarten. Lange Passagen, in denen fast ausschließlich beschrieben wird. Dialoge, wer wann wohin fuhr oder mit wem sprach, feierte, aß, Beschreibungen von Orten, Straßen, Wegen. Diese wechseln mit anderen Passagen, in denen er über bestimmte Fragen des Lebens philosophiert. Diese Passagen fand ich ausgesprochen interessant und anregend. Die beschreibenden Abschnitte empfand ich bisweilen zu langatmig, zu kleinteilig, zum Teil mit, wenn ich das mal so direkt sagen darf, Nichtigkeiten befasst.

Mein Fazit mit etwas Abstand hat sich nicht sehr verändert. Das: Ich weiß nicht,- ist geblieben. Der Schreibstil in dieser Biographie ist gut, aber vielleicht hätten es ein paar Seiten weniger und dafür konzentrierter auch getan. Schlichte Sprache, die sich mit einem Erinnerungsvermögen paart, das ich in der Form noch nie gelesen habe. Knausgard erinnert und schreibt akribisch. Die ersten zweihundert Seiten des Buches grandios in Beobachtungsgabe und differenzierter, psychologischer Einordnung. Ehrlich, präzise und tief. Danach wird es anders, finde ich. Es fällt ab.

Ich hätte vermutlich das Buch nicht zu Ende gelesen, wenn ich nicht vorgehabt und versprochen hätte, darüber eine Rezension zu schreiben, insofern lässt sich vielleicht doch eine Tendenz ablesen. Doch nach dem Lesen der gesamten Biographie bleibt doch eine gewisse Unsicherheit und die Frage, ob ich vielleicht irgendwas nicht erkannt oder verstanden habe. Ich weiß es nicht. Vorhin im Buchladen habe ich in zwei weitere Teile seiner Biographie herein gelesen. „Lieben“ und „Leben“. Obgleich der Schreibstil mir zusagt, habe ich keines der Bücher gekauft. Aber vielleicht ändert sich das ja noch. Ich weiß es nicht.

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Biographie

Da geht noch was

Das ist mir lange nicht passiert: Dass ich ein Buch zu lesen anfange und nicht mehr aufhören kann, bis ich an der letzten Seite angekommen bin. Gestern habe ich mir das Buch von Christine Westermann gekauft, mit dem Titel: “Da geht noch was”. Und heute habe ich es in einem Rutsch gelesen. Ein sehr persönliches Buch der 65jährigen Journalistin und Moderatorin – über ihre Arbeit, über ihr Alter und wie beides zusammen spielt oder auch nicht, über ihre Eltern, ihr Leben, ihre Ängste und die Zeit in einem buddhistischen Zen-Kloster in Bayern, das vom WDR per Kamera begleitet und dokumentiert wurde.

Es hat mir sehr gefallen, dieses Buch. Ich mag ihren persönlichen, bescheidenen Blick. Ihre reflektierte Art, auf die Geschehnisse zu blicken und auch auf sich selbst.

Empfehlung: Unbedingt lesen.

 

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Biographie

Be.kenntnisse.

“Jesus, hier ist Nina.”

Erinnert sich jemand an diese Frau? Sie hat vor einiger Zeit ein Buch geschrieben mit dem Titel “Bekenntnisse“. Es geht natürlich um Nina Hagen. Nina Hagen, die Kandidaten über’n Haufen gesoffen hat, die auf’m Bahnhof Zoo hungrig war und nichts wusste, von seinen Ufern. Sie war ein Hund, fühlte sich unbeschreiblich weiblich und wollte ein Fisch im Wasser sein. Sie lief’n Bahnsteig lang und wusste nicht, ob sie da wegfährt oder was. In ihrer Tasche klebte ein Bonbon und sie tanzte den African Reggae. Nina Hagen war heiß und wollte rangehn und das tat sie auch musikalisch: Wilde, punkige Musik mit ausgefallenen Texten und Takten. Jedenfalls in den 80ern. Mit einer Band, die ihren Namen trug und zwei Alben veröffentlichte: Nina Hagen Band. Wer ist diese Frau? Wer und was hat sie beeinflusst und geprägt? Das erzählt Nina Hagen selbst in ihrer Biographie, die auch die Geschichte ihrer spirituellen Entwicklung ist, die sich wie ein roter Faden durch ihr Leben und auch ihr Buch zieht. Nina Hagen ist Christin. Sie hat sich vor ein paar Jahren sogar taufen lassen. Es ist ihr ernst damit. Geboren wird sie 1955 in Ostberlin. Ihre Eltern trennen sich früh, sie bleibt bei der Mutter, obgleich sie sich dem Vater näher fühlt. Nina geht ihren Weg. Sie verliert sich, sie findet sich. Versucht Neuanfänge, flüchtet, liebt, fällt und steht wieder auf. Sie hat den Farbfilm vergessen und tingelt mit einer Schlager-Combo, sich deplaziert und unerfüllt fühlend, durchs Land. 1976 nimmt Nina den Rausschmiss Wolf Biermanns aus der DDR zum endgültigen Anlass, sich ebenfalls ausweisen zu lassen. Sie geht mit dem Freund der Mutter in den Westen und beginnt dort peu á peu ihre Musikerkarriere. Sie reist nach London, Amsterdam, Indien, Amerika, begegnet Hermann Brood und vielen anderen Musikerkollegen.

Wer sich auf diese Biographie einlässt, bekommt einige Bibeltexte zu lesen, mit denen “Bekenntnisse” durchgängig durchwoben ist. Man erhält Einblick in das ungewöhnliche Leben der zweifachen Mutter und Godmother of Punk Nina Hagen, – auf der Suche nach Liebe und Sinn. Hier wird authentisch und humorvoll ein Leben erzählt, über Drogenabsturz, menschliche Verluste, Flucht und Enttäuschung, aber auch das weiche Landen und Finden im christilichen Glauben, der ihr bis heute Mission und Halt ist. Das Buch enthält zahlreiche Fotos und eine übersichtliche Gestaltung in 16 Kapitel, an deren Ende noch ein Nachwort aus dem Himmel folgt. Die beschriebene Zeitspanne: Bis etwa 2006. Literarisch hochwertig ist es nicht, aber das wird vermutlich auch niemand erwarten. Dennoch: Mir hat’s gefallen.

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