Textsammlung

Bereit zum Abschied sein, Gedichte und Gedanken der Trauer

Dieses kleine, feine Büchlein enthält verschiedene Gedichte, Zitate und kurze Prosa zum Thema Abschied, Trennung, Tod und Trauer. Loslassen zu müssen, konfrontiert zu sein mit unliebsamem Abschied hinterlässt den Menschen häufig sprachlos. Der andere ist nicht mehr erreichbar, gestorben oder getrennt, aus dem Leben gerissen. Wohin mit all den Fragen und Gefühlen, mit dem Schmerz, dem unerträglichen Verlust? Wie darüber schreiben, wie darüber sprechen? Darum geht es in dieser kleinen Text-Sammlung. Das Buch passt gut in eine kleine Tasche und so kann man zwischendurch immer wieder darin lesen. Enthalten sind sehr viele schöne Texte und Gedichte, sehr berührend. Sie vermögen auszudrücken, was häufig so schwer zu fassen und benennbar ist. Enthalten sind Zeilen namhafter Autorinnen und Autoren, wie Joan Didion, Paul Fleming, Maarten T‘ Hart, Marie Luise Kaschnitz, Friedrich Rückert, Georg Christoph Lichtenberg, Hermann Hesse, Joachim Ringelnatz, Theodor Fontane, Isabel Allende, Theodor Storm, Matthias Claudius, Heinrich Heine, Jakob Hein, Uwe Timm, Rainer Maria Rilke, Dietrich Bonhoeffer, Georg Heym, Rabindranath Tagore, Tiziano Terzani, Mascha Kaleko u.v.a.
Empfehlenswert, 75 Seiten, 8 Euro, Insel-Bücherei

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Allgemein, Biographie, Liebesgeschichte

Du sagst es (von Connie Palmen)

Seit einiger Zeit schon bin ich in Kontakt gekommen mit Gedichten von Sylvia Plath, auch ihren einzigen, veröffentlichten Roman „Die Glasglocke“ habe ich mit Begeisterung gelesen. Kürzlich fiel mir „Du sagst es“ von Connie Palmen in die Hände und nach dem Anlesen entschied ich, das Buch zu kaufen. Der Titel „Du sagst es“ entstammt einem Bibelzitat aus dem Neuen Testament.
In diesem Buch schreibt die niederländische Autorin, anhand diverser Quellen, über die Lebensgeschichte der Dichterin Sylvia Plath und Ted Hughes, aus der Sicht von Ted Hughes. Da die Beziehung der beiden im Fokus steht, ist es auch ein Liebesroman. Ted Hughes hat zeitlebens über seine Ehe und Verbindung mit Sylvia Plath geschwiegen. In seinen „Birthday letters“, einer Sammlung von Gedichten, die über Jahre entstanden sind, verarbeitet er die Beziehung zu Sylvia Plath. Es war seine letzte Veröffentlichung.
1956 lernen sich Sylvia Plath und Ted Hughes kennen. Beide sind literarisch tätig, haben einige Veröffentlichungen in Zeitschriften gehabt. Sie lernen sich kennen und verbringen einen interessanten ersten Abend miteinander, an dem Sylvia ihm nach einem Kuss, in die Wange beißt. Die beiden sehen sich wieder. Sylvia ist angetan von dem intelligenten Dichter aus England, er genießt ihre eloquente Aufmerksamkeit und ihre Intelligenz. Die beiden werden ein Paar und heiraten, doch ihre Hochzeit halten sie vorläufig geheim, um nicht ihre Unterkunft auf dem Campus, an dem sie studieren, zu verlieren, bis sie es irgendwann nicht mehr aushalten und doch darüber sprechen. Sie beziehen eine kleine Wohnung und verbringen Tage und Nächte damit, sich über fremde und eigene Literatur zu unterhalten und das, was sie beschäftigt. Sieben Jahre hält diese Ehe, mit vielen Aufs-und Abs, Hoffnungen und Scheitern. Sylvia Plath unterstützt ihren Mann mit allem, was sie hat und ist, er bekrittelt, dass sie nicht aufrichtig genug sei in ihren Gedichten. Während er literarisch aufsteigt, kämpft Sylvia um jede Veröffentlichung. Die beiden werden Eltern, ziehen ein paar Mal um, Sylvia will gute Mutter sein, Ehefrau, Gastgeberin und Literatin. Ihre Beziehung zu Ted ist ein Ort der Unruhe, geboren aus ihrer charakterlichen Unterschiedlichkeit, geboren aus den verschiedenen Lebensperspektiven.
Ich mag die schlichte Sprache, mit der Connie Palmen diese Geschichte erzählt. Neutral, wie ich häufig anderweitig über dieses Buch gelesen habe, empfinde ich die Erzählperspektive allerdings nicht.
Sylvia Plath hat sich nach siebenjähriger Ehe mit Ted Hughes umgebracht, als Ted Hughes ein außereheliches Verhältnis zu der Dichterin Assia Wevill beginnt. Auch sie wird sich, und dem mit Ted Hughes gemeinsamen 4jährigen Kind Shura, später das Leben nehmen. Selten hat mich eine Geschichte so aufgewühlt. Das Buch kann ich uneingeschränkt empfehlen. Sehr lesenswert.

Biographie

Das falsche Leben – Eine Vatersuche

Die Autorin Ute Scheub ist 1959 vier Jahre alt, als sich ihr Vater auf dem Kirchentag in Stuttgart, nach einer kurzen, flammenden Rede und einem Gruß „an seine Kameraden von der SS“, das Leben per Zyankalikapsel nimmt. Die Familie, ihre Mutter und drei ihrer Brüder, erfahren davon durch die Polizei. Sie sehen sich diversen unausgesprochenen Vorwürfen und Fragen durch die Umgebung ausgesetzt. Günther Grass war zu diesem Kirchentag geladen, dort eine Lesung zu halten. Günther Grass ist es auch, der der Familie einen Besuch abstattet, um mehr über den Selbstmörder und die Hintergründe von Manfred Augst, dem Vater der Autorin, zu erfahren. Später verfasst Grass diverse weitere Zeilen über diesen Mann und die Umstände (die zum Teil auch im Buch erwähnt sind). Ute Scheubs Vater war in der SS. Sie ist vielen Fragen und Schuldgefühlen ausgesetzt, eigenen und fremden und befasst sich in diesem Buch mit ihrem Vater, seinen Taten und seinem Leben, mit Schweigen und Traumata. Es ist der Versuch einer Annäherung, ein Versuch, zu verstehen, was geschehen ist, wie geschehen konnte, was geschehen ist. Sie beleuchtet Hintergründe, besucht Familienangehörige, taucht in die (Familien-)Geschichte ein, führt Gespräche mit Angehörigen und Betroffenen, sucht Versammlungen auf, disktutiert mit anderen (Betroffenen), die lebenslang mit dieser Schuld leben lernen müssen. Es sind Fragen, Gedanken und Gefühle, denen die Kriegsnachfolgegeneration konfrontiert sieht. In einer umfassenden Analyse, analysiert sie ihren Vater, auch Gedichte, die er geschrieben hat, Abschiedsbriefe, die sie erst mehr als 30 Jahre nach dem Selbstmord des Vaters zufällig auf dem Dachboden findet, nähert sie sich dem Thema Krieg, Kameradschaft, Familie, und findet ein paar Antworten auf die Frage, wie es sein konnte, dass sich so viele der SS anschlossen, was sie antrieb, was sie nicht zweifeln, sondern weiter morden ließ. Ihre schmerzhafte Auseinandersetzung ist sehr umfassend, berührend, empfehlens-und lesenwert.

„Das falsche Leben – Eine Vatersuche“, Ute Scheub, Piper Verlag, 2006, 287 Seiten

Erzählung

Der alltägliche Tod meines Vaters (P. Kersten)

In seiner ersten Prosa „Der alltägliche Tod meines Vaters“, schreibt Paul Kersten, der auch einige Gedichtbände veröffentlicht hat, über den Tod seines Vaters. Zeitlebens hatte er keine gute Beziehung zu ihm, auch keine schlechte, es war ein distanziertes Miteinander. Er beschreibt seine Gedanken und Gefühle, als ihm bewusst wird, dass der Vater sterben wird, nach dessen Tod über Gefühle und Gedanken, die in ihm sind, hinter all seinen Erinnerungen. Offen formuliert er Strecken des gemeinsamen Lebens, Dialoge, Feste, Unterhaltungen. Berührend. Auf 102 Seiten schreibt er über den alltäglichen Tod seines Vaters, schreibt über ihn, als wolle er einen Teil festhalten und gleichzeitig loslassen. Ein Buch über zwei, die nicht wirklich zueinander gefunden haben und doch irgendwie zueinander gefunden haben, so gut es eben ging. Und dazwischen die Mutter und Ehefrau. Lesenswert.

Ein Artikel in der Zeit über Buch und Autor:
http://www.zeit.de/1978/24/der-alltaegliche-tod-meines-vaters

Paul Kersten, „Der alltägliche Tod meines Vaters“, Kiepenheuer & Witsch

Biographie

Die Welt im Rücken von Thomas Melle

Seit Tagen will ich hier schon eine Rezension über dieses Buch schreiben, doch es gelingt mir nicht. Woran das liegt? Weil das Buch

„Die Welt im Rücken“ von Thomas Melle,

das außergewöhnlichste, wahrhaftigste, intensivste, großartigste Buch ist, das ich seit langem gelesen habe. Ich finde einfach nicht die passenden Worte dafür bzw. werde ich mit den Worten, die ich dazu finde, diesem Buch nicht gerecht. Es ist überwältigend, dieses Buch. Thomas Melle ist manisch-depressiv, oder wie man heute zu sagen pflegt: bipolar. In diesem Buch, seiner Autobiographie schreibt er über sein Leben und seine Krankheit, die über ihn, in ihn herein bricht, aus ihm heraus bricht und spricht. Sollte jemand von Euch noch ein Geschenk benötigen, für jemand anders, oder für sich selbst, oder gerade nicht wissen, welches Buch man als nächstes lesen sollte – möchte ich Euch dieses Buch sehr ans Herz legen. Es ist mitreißend, berührend, aufwühlend, tief, sprachlich ein Genuss, kurz: Es ist das Beste, was ich seit langem gelesen habe. Es war für den Buchpreis 2016 nominiert, hat leider nicht gewonnen, was ich sehr bedaure. Das Buch und der Autor haben es mehr als verdient. Kauft dieses Buch. Verschenkt es. Lest es.

Hier eine Leseprobe:

https://www.rowohlt.de/download/file2/row_upload/3458707/LP_978-3-87134-170-0_Leseprobe.pdf

Ein Interview mit dem Autor:

http://www.rowohlt.de/news/manie-depression-vom-krieg-zweier-ungeheuer.html

Allgemein

Fragen zum Lesen

Warum liest du?

Eine gute Frage, die ich mir derzeit öfter stelle, denn irgendwas hat sich verändert. Ich vermute, ich. Bislang war es so: Ich habe gelesen, um zu lernen und mich von Sprache und Geschichten, berühren und unterhalten zu lassen.

Was liest du? Welche Genres bevorzugst du? Liest du auch Klassiker?

Ich lese sowohl Klassiker, als auch aktuelle, zeitgenössische Literatur und sehr viel Lyrik, aber auch Sach-und Fachbücher.

Welche Autoren favorisierst du? Oder hast du keine bevorzugten Autoren?

Eigentlich favorisiere ich keine Autoren, aber es gibt welche, die ich sehr gerne lese: Kafka, Stach, Espedal, Bukowski, Coetzee, Fried, Böll um eine kleine Auswahl zu nennen.

Wo liest du überall? Nur Zuhause, nur in der S-Bahn, überall, …?

Vornehmlich im Bett vor dem Einschlafen. Neuerdings auch im Café. Manchmal auch unterwegs.

Liest du viel oder wenig? Wie viel Zeit verbringst du in der Woche mit Lesen? Wie viele Bücher liest du im Schnitt pro Monat/Jahr?

Ungefähr 50-60 Bücher pro Jahr. Zeit pro Woche mit Lesen? Im Moment nicht so viel, etwa 1 Stunde am Tag.

Machst du auch längere Lesepausen?

Ja. Ergibt sich manchmal.

Liest du schnell oder langsam? Wie viele Seiten liest du ungefähr in einer Stunde?

Keine Ahnung.

Wie viele Bücher liest du in der Regel gleichzeitig?

Ungefähr 2-3. Eine zeitlang waren es bis zu 5. Im Moment 2-3.

Welche Formate bevorzugst du? Taschenbücher, gebundene Bücher, broschierte Bücher, Prunkausgaben?

Taschenbücher. Manchmal möchte ich ein Buch unbedingt lesen, warte dennoch auf die Taschenbuchausgabe. Manch gebundene Bücher stehen hier aber auch im Regal.

Legst du Wert auf eine hochwertige Verarbeitung deiner Bücher? Spielt die Optik des Buches eine Rolle für dich?

Nein. Zwar habe ich einen Sinn für Ästhetik und schöne Dinge, aber beim Bücherkauf spielt das keine Rolle.

Liest du auch Ebooks? Wenn ja wie oft und welche Bücher?

Nein.

Wo versorgst du dich mit neuen Büchern? Beim Buchhändler ums Eck? In der Bibliothek? Aus dem Bücherbus?

Buchladen. Es gibt diverse hier in der Stadt. Flohmärkte auch. Gebrauchte manchmal auch online. Bücherbus ist auch schon vorgekommen. In der Bibliothek war ich ewig nicht, möchte aber mal wieder hin. Oder ist die Frage gemeint, wo ich auf neuen Lesestoff stoße? Häufig im Netz. Manchmal auch durch Empfehlungen.

Kaufst du auch gebrauchte Bücher?

Ja.

Wie viel bist du bereit für ein gutes Buch auszugeben?

Zwanzig bis Zweiundzwanzig Euro hab ich schon bezahlt, auch für Gedichtbände und Romane. Tut mir aber weh, zumal ich eh lieber Taschenbuchausgaben mag. Mir fällt gerade ein: Für einen vergriffenen Bild/Fotoband habe ich letztes Jahr (gebraucht) 45 Euro bezahlt.

Verleihst du Bücher? Wenn ja an wen und welche Erfahrungen hast du damit gemacht?

Ungern. Kommt aber vor. Erfahrungen: Nicht zurück bekommene Bücher. Oder, niegelnagelneu (aussehende) Bücher mit Tintenfleck drauf zurück bekommen. Sand vom Strand im Buch, gewellte Seiten. Ich muss dazu sagen, dass ich Bücher sehr gut behandele. Sie sehen wie neu aus, auch nach dem Lesen. Inzwischen verleihe ich nur noch an Leute, die mir versprechen gut mit meinen Büchern umzugehen.

Wie viele Bücher hast du im Schnitt auf deinem Stapel ungelesener Bücher? (Alternativ: wie viele Regale ungelesener Bücher hast du?)

Stehen im Regal. Kann ich nicht sagen. Schätze 20-30 Bücher ungelesen.

Wo bei dir Zuhause hast du überall Bücher?

In jedem Zimmer, außer im Bad.

Wie sortierst du deine Bücher im Regal?

Alphabetisch. Lyrik hat ein eigenes Regal. Die ist auch alphabetisch sortiert. Es gibt auch noch mal eine eigene Ecke für spirituelle Bücher und eine für Fachbücher.

Was nutzt du als Lesezeichen? Oder knickst du die Seiten ein?

Papier oder Lesezeichen. Knicken? Neeeeeeein!

Wenn du mit dem Lesen pausierst, liest du dann das Kapitel immer zu Ende oder hörst du auch mal mittendrin auf?

Ich lese es bis zum Ende des Kapitels. (Selten mittendrin, sehr selten).

Worauf achtest du beim Kauf eines Buchs? Was für Kriterien muss ein Buch erfüllen, damit du es dir kaufst? Spielt der Verlag eine Rolle?

Taschenbuchausgabe. Alles andere ist mir schnurz. Kriterien? Ich lese es an und es „packt mich“.

Wirfst du Bücher in den Müll?

Nein.

Wie belesen ist dein Bekannten- und Freundeskreis? Kennst du Menschen, die kein Buch besitzen?

Unterschiedliche Leute, unterschiedliche Belesenheit. Ja, ich kenne Leute, die kein Buch besitzen.

Was für eine Rolle spielen Bücher in deinem Berufsleben?

Verstehe die Frage nicht. Lehrbücher? Die gibt es.

Brichst du Bücher ab, wenn dir der Inhalt nicht zusagt?

Ja.

Bittet man dich im Freundes- und Bekanntenkreis um Buchtipps?

Ja.

Wenn deine Bücher plötzlich alle verloren gehen (z.B. Feuer, Hochwasser, böse Fee, …), welche drei Bücher würdest du dir sofort neu bestellen?

Reiner Stach, Biographien über Kafka. Sind drei Ausgaben, tja.

Gehören ein Heißgetränk und Kekse zum Leseabend?

Nein.

Hörst du während dem Lesen Musik, oder muss bei dir völlige Stille herrschen?

Selten höre ich Musik beim Lesen, eher nie. Ich habe mal John Sinclair-Hefte gelesen, während ich von Nils Lofgren „Shine silently“ hörte. Seitdem sind John Sinclair und Nils Lofgren miteinander verbunden.

Liest du Bücher mehrmals? Wenn ja welche und warum?

Ja, zum Beispiel:
Die Stach-Kafka-Biographie. (Sehr interessant, toller Stil, viele Fakten, Inhalt)
Der kleine Prinz, das habe ich sehr oft gelesen. (Stil und Inhalt/Story))
Dann Du hast das Leben noch vor dir von Emile Ajar, hab ich mindestens drei Mal gelesen. (Stil, Inhalt/Story)
Alles, was ich von Böll hier habe, habe ich auch zwei Mal gelesen. (Stil, Inhalt/Story)
Becketts „Warten auf Godot“ werde ich definitiv wieder lesen. (Stil, Inhalt/Story)

Markierst du dir Stellen in einem Buch? Wenn ja wie?

Ja, manchmal in Lehr-oder Sachbüchern – mit Bleistift. Selten mit Kugelschreiber. Oder Lesezeichen rein.

Quelle der Fragen:
http://www.lesestunden.de/2016/09/warum-liest-du/

Roman

Sylvia Plath, Die Glasglocke

Sylvia Plath, Sylvia Plath. Wer war das noch gleich? Richtig: Eine amerikanische Dichterin. Und diese Dichterin hat einen Roman geschrieben mit dem Titel „Die Glasglocke“.

Protagonistin Esther Greenwood, eine junge Studentin aus Boston, macht ein Volontariat in einer New Yorker Redaktion für vier Wochen. Sie lebt mit ein paar anderen Studentinnen im Hotel Amazon. Esther ist eher eine Einzelgängerin, sie liebt das Schreiben und möchte Dichterin werden. Mit Doreen freundet sie sich ein bisschen an, vielleicht wäre es richtiger zu sagen, Doreen freundet sich mit Esther an. Esther möchte aus der Zeit in New York so viel mitnehmen wie möglich, sie ist neugierig auf die Stadt, auf die Menschen, das Nachtleben und auf das, was dort geschieht und erlebt eine aufregende Zeit. Einmal vergiftet sie sich fast. Irgendwann geht es wieder heim zu ihrer Mutter, in die kleine Idylle, in der sich Esther beobachtet und eingeengt fühlt. Es geht ihr zusehends schlechter dort. Sie hatte mit einer Zusage für einen Literaturkurs gerechnet, den sie nach ihrer New Yorker Zeit besuchen wollte, doch als sie nach Hause kommt, erfährt sie von ihrer Mutter, dass sie eine Absage bekommen hat. Esther gerät ins Strudeln und Straucheln, sucht nach anderen Möglichkeiten. Sie kann nicht mehr schlafen und gerät in einen Zustand von Delirium und Depression. Esthers Mutter meint, sie solle zum Arzt gehen.

Sprachlich sehr, sehr schön, tief, poetisch, bildreich und mitreißend und auch inhaltlich sehr abwechslungsreich und facettenreich.

Biographie

Franz Kafka – Die Jahre der Entscheidungen von Reiner Stach

 

Wo fängt man an, wenn man über diese Biographie erzählen möchte? Vielleicht beim Verfasser: Reiner Stach. Denn Reiner Stach hat hier in jahrelanger Arbeit etwas geschaffen, das unmöglich ist: Dr. Franz Kafka, den Verfasser  und Weltliterat von u.a. Die Verwandlung,  zum Leben zu erwecken. Jedenfalls war es das, was ich empfunden habe, als ich diese Biographie gelesen habe. Nicht nur, dass man morgens beim Frühstückstisch mit Franz Kafka und seiner Familie sitzt, man rennt auch durch die Stadt zur Arbeit und kommt mit ihm zusammen eine Viertelstunde zu spät. Man sitzt mit ihm am Schreibtisch und wartet auf Nachricht von Felice. Fährt mit ihm nach Wien und anschließend nach Venedig. Sitzt im Zug nach Berlin, um Felice zu treffen und verpasst sie doch fast ganz. Franz Kafka im Goethehaus in Weimar mit Max Brod. Der Weltliterat im Versuch, seine, wie er es nennt “Bestimmung”, das Schreiben, in seinen Tag zu integrieren. Seine Nachtschichten und Phasen, in denen einfach nichts gelingen will. Sein Anspruch. Es lässt sich einfach nicht fassen, was dem Verfasser hier gelungen ist: Eine großartige Biographie über einen großartigen Schriftsteller zu schreiben. Das ist keine Sammlung von Fakten, hier wird eine Geschichte erzählt, aus unterschiedlichen Perspektiven, von verschiedenen Punkten aus, werden die Fäden immer wieder neu geknüpft. 600 Seiten umfasst diese Ausgabe, es gibt noch zwei weitere Biographien von Stach über Kafka. Besser gehts nicht.

Meine absolute Empfehlung dafür.

Roman

La Noia von Alberto Moravia

La Noia ist italienisch und heißt übersetzt: Die Langeweile. Und existentielle Langeweile ist es, die den Protagonisten des Buches plagt. Er heißt Dino ist 35 Jahre alt und Sohn aus reichem Hause. Er ist reich, das heißt, seine Mutter ist reich, er will es nicht sein, verlässt deshalb die heimische Villa, um in einem kleinen Appartement dem Malen nachzugehen. Es gelingt nicht lang, Dino langweilt sich erneut. Er ist ein Intellektueller, der sich nirgends wirklich hingezogen fühlt, weder zu den Dingen, noch zu den Menschen. Selbst zu seiner Mutter hat er ein zwiegespaltenes Verhältnis – mal will er wieder nach Hause ziehen, im nächsten Moment flüchtet er erneut. „Wie mein Vater“, stellt er zwischendurch fest.  In dem Haus, in dem Dino sein Atelier hat, lebt noch ein anderer Maler. Ein alter, hässlicher Mann, der eifersüchtig alle anderen Männer betrachtet und fast feindselig behandelt, wie Dino findet, und doch beobachtet er ihn neugierig, denn bei Balistieri, so heißt der Maler, gehen die Frauen ein und aus, über Monate hinweg, bis eines Tages sich alles ändert. Nur noch eine bestimmte Frau kommt zu ihm, eine junge 17 jährige, die Dino, sobald sie ihm auf dem Gang begegnet, anlächelt. Dino fühlt sich gleichermaßen angewidert, wie hingezogen. Der Tod des Malers Balistieri bringt ihn schließlich dazu, in dessen Atelier einzudringen und die Bilder zu betrachten, die der Maler hinterlassen hat. Bei der Gelegenheit begegnen sich Dino und die junge Geliebte des verstorbenen Malers, die den Namen Cecilia trägt. Cecilia bedeutet Die Blinde, auch: Himmlische Lilie. Die beiden kommen sich näher und werden ein Paar. Mehr möchte ich nicht verraten, von diesem dramatischen Buch in dem, zumindest äußerlich betrachtet, so wenig geschieht.

Dieses Buch ist das Beste, was ich seit langem gelesen habe. Sprache und Beobachtungsgabe des Autors sind einfach großartig. Die Charaktere des Romans sind außergewöhnlich, ungewöhnlich, tief, sogar in ihrer Gleichgültigkeit und Oberflächlichkeit, was kein Widerspruch ist. Faszinierende Dialoge. Dies ist ein psychologisch-philosophisches Buch, das einen nicht los lässt. Themen hier sind: Langeweile, Gleichgültigkeit, Liebe, Anziehung, Sexualität, Kommunikation, Reichtum, Psychologie.

Unbedingt lesen! Nicht erschrecken lassen von den Irrungen und Wirrungen des Protagonisten in die es bisweilen führt.

 

Sachbuch

Zehn Gebote des Schreibens

Schreibratgeber gibt es viele. Dies hier ist aber keiner und ist es doch. In diesem kleinen, feinen Büchlein, haben 42 namhafte Autorinnen und Autoren ihre persönlichen Schreibgebote und Verbote kund getan. Darunter sind: Michael Krüger, A.L. Kennedy, Jonathan Franzen, Ulla Hahn, Thomas Glavinic, Ulrike Draesner, Francois Lelord, Margaret Atwood, Sten Nadolny, Hakan Nesser, Zadie Smith, Juli Zeh, Marten ‚t Hart, Ingrid Noll uvm.

Die Empfehlungen und Verbote sind ernsthaft und humorvoll verfasst, persönlich und eigen, wie die Schriftsteller selbst. Das letzte Gebot lautet mehrfach: Halte Dich an keine fremden Gebote! Oder: Finde Deine eigenen!

Ein lesenswertes, kleines Buch über das Schreiben und die Schriftsteller. Darüber, was es bedeutet, zu schreiben, schreiben zu wollen, zu müssen, über das Romanschreiben, über das Finden von Themen, von den richtigen und falschen Sätzen, vom Empfinden über das Geschriebene, über das Streichen von Textstellen und auch darüber, was man vor, nach oder während des Schreibens tun sollte (könnte). Ein informatives, unterhaltsames und schönes Buch, das kleinformatig ist und richtig viele, interessante Tipps und Denkanstöße gibt.

Sehr lesenswert!